Psychosoziale Aspekte der Nachhilfe

Nachhilfe heißt individuell fördern

Viele Nachhilfeschüler plagen Minderwertigkeitsgefühle und Versagensängste. Als Nachhilfelehrer sollte man diese berücksichtigen, sonst kann die beste Lernstrategie unter Umständen nicht zum ersehnten Erfolg führen.

Maxi kann sich während der Mathe-Nachhilfe nicht konzentrieren. Wiederholt berichtet sie über Kopfschmerzen. Als der Nachhilfelehrer sie nach hause schicken möchte, lehnt sie ab mit der Begründung, dass sie dann von ihrer Mutter nur Ärger bekäme.

Sie verbringt die restliche halbe Stunde des Nachhilfe-Gruppenunterrichts lieber, indem sie passiv aus dem Fenster starrt, sichtlich gekennzeichnet vom Kopfschmerz. Bei Maxi fällt überhaupt auf, dass sie eine ausgeprägt negative Selbsteinschätzung hat. Sie traut sich kaum etwas zu und erwartet Misserfolge geradezu.

Diese Einstellung trägt Rechnung in schlechter mündlicher Beteiligung und auch in schlechten Noten in schriftlichen Arbeiten. Ursächlich scheint vor allem die langzeitarbeitslose, alleinerziehende Mutter zu sein, deren Haltung Maxi gegenüber von Vorwurf und Kritik geprägt ist. Und Maxi gerät immer tiefer in den Teufelskreis aus mangelndem Selbstvertrauen – schlechten Noten – mehr Schelte von der Mutter – noch weniger Selbstvertrauen. 


Wie kann man den Teufelskreis durchbrechen?

Fälle wie der von Maxi sind keine Seltenheit für Nachhilfelehrer in Deutschland. Viele der Kinder, die Nachhilfe in Anspruch nehmen, befinden sich in ähnlichen Abwärtsspiralen. Meist ist das familiäre Umfeld ausschlaggebend, seltener auch Mobbing durch die Schulkameraden. Was kann die Nachhilfe-Lehrkraft dazu beitragen, der Abwärtsspirale Einhalt zu gebieten und einen Aufwärtstrend wiederherzustellen?

  • Probleme wahrnehmen: Um einen Schüler/eine Schülerin gezielt fördern zu können, muss sich die Lehrkraft einen Überblick über die jeweilige Situation des Kindes verschaffen. Dazu können Gespräche mit Eltern/Angehörigen, dem Kind selbst oder befreundeten Kindern oder deren Eltern dienen.

  • Auf Probleme eingehen: In der Nachhilfetätigkeit bedeutet das zu 80 Prozent das Selbstvertrauen zu stärken, z.B. dadurch, dass man gemeinsam mit dem Kind seine Stärken herausarbeitet. Hierbei sollte man, wenn möglich, auch die Angehörigen mit einbeziehen.

  • Erfolgserlebnisse schaffen: Eine Strategie ist, mit Aufgaben zu beginnen, die vom Kind leicht zu bewältigen sind. Dann kann man sich nach und nach zu schwierigeren Aufgaben vor arbeiten. Wichtig ist auch, dem Kind gut zuzureden, realistische Herausforderungen anzunehmen. Jedes Erfolgserlebnis verfestigt im Sinne einer positiven Verstärkung das richtige Lernverhalten und trägt zum positiven Selbstbild des Kindes bei.

In einigen Fällen mag darüber hinaus Handlungsbedarf bestehen. In Fällen von Vernachlässigung oder bei Verdacht auf Misshandlung ist der Nachhilfelehrer angehalten Meldung ans Jugendamt zu machen. Dabei ist der Nachhilfelehrer gegenüber dem Schullehrer im Vorteil, da er einen engeren Kontakt zum einzelnen Schüler pflegt und somit häusliche Missstände leichter erkennen kann.

Treten weniger schwerwiegende, aber dennoch gravierende Probleme im Familienverbund auf, kann der Nachhilfelehrer auch Anlaufstellen vermitteln, z.B. den regionalen Sozialpädagogischen Dienst (RSD).


Annika Misina

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